Ratgeber · Vertrag & Abrechnung

Festpreis oder Time & Material? Abrechnungsmodelle im Softwareprojekt

Ein Festpreis (Werkvertrag nach § 631 BGB) gibt Budgetsicherheit für klar umrissene Projekte, Time & Material (Dienstvertrag nach § 611 BGB) rechnet flexibel nach Aufwand ab. Welches Modell günstiger ist, hängt vor allem davon ab, wie klar Ihre Anforderungen zu Beginn feststehen.

Festpreis oder nach Aufwand (Time & Material)?

Festpreis und Time & Material sind die beiden Grundmodelle, nach denen ein Softwareprojekt abgerechnet wird. Beim Festpreis vereinbaren Auftraggeber und Anbieter einen verbindlichen Gesamtpreis für einen fest definierten Umfang; bei Time & Material zahlen Sie den tatsächlichen Aufwand nach Stunden- oder Tagessätzen.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Preis, sondern in der Risikoverteilung. Ein Festpreis verlagert das Aufwandsrisiko auf den Anbieter, Time & Material auf den Auftraggeber. Als drittes, in der Praxis wachsendes Modell verbindet der agile Festpreis (Sprint- oder Budget-basiert) beides.

Die Wahl bestimmt zugleich die Rechtsform, die Gewährleistung, den Abnahmeprozess und die Flexibilität bei Änderungen. Deshalb sollte das Modell zum Reifegrad Ihrer Anforderungen passen – nicht umgekehrt.

Kriterium Festpreis Time & Material Agiler Festpreis
Rechtsform Werkvertrag (§ 631 BGB) Dienstvertrag (§ 611 BGB) Werkvertrag mit agiler Steuerung
Abrechnung Fixer Gesamtpreis Nach Stunden / Tagen Fest pro Sprint / gedeckelt
Vorab nötig Detailliertes Lastenheft Grobe Produktvision Priorisiertes Backlog
Flexibilität Gering, Change Requests Hoch Hoch, über Backlog gesteuert
Budgetrisiko Überwiegend Anbieter Überwiegend Auftraggeber Geteilt (Risk-Share)
Gewährleistung Ja, mit Abnahme & Mängelrechten Nein, nur Schadensersatz Ja, pro Inkrement
Ideal für Klar umrissener Umfang Explorative Projekte Iterative Produktentwicklung

Hinweis: Die Zuordnung der Rechtsform ist der Regelfall, keine Automatik – maßgeblich ist stets, ob ein konkreter Erfolg geschuldet wird. Bei der Vertragsgestaltung hilft eine IT-Beratung.

Was bedeutet Festpreis rechtlich (Werkvertrag § 631 BGB)?

Ein Festpreis ist ein verbindlich vereinbarter Gesamtbetrag für einen im Lastenheft definierten Leistungsumfang. Rechtlich wird er meist als Werkvertrag nach § 631 BGB ausgestaltet: Der Anbieter schuldet ein konkretes Ergebnis – funktionsfähige Software nach vereinbarter Spezifikation.

Das bringt dem Auftraggeber klare Vorteile: Die Vergütung wird erst mit der Abnahme fällig, und bei Mängeln greifen Gewährleistungsrechte wie Nacherfüllung, Minderung oder Rücktritt. Das Aufwandsrisiko liegt beim Anbieter.

Der Preis dafür ist Aufwand vorab und weniger Flexibilität. Ein belastbarer Festpreis setzt ein detailliertes Lastenheft voraus, und spätere Änderungswünsche laufen als kostenpflichtige Change Requests. Für die realistische Budgetierung lohnt der Blick in den Ratgeber Software-Entwicklungskosten 2026.

Was bedeutet Time & Material (Dienstvertrag § 611 BGB)?

Time & Material bedeutet Abrechnung nach tatsächlichem Aufwand: Sie zahlen die geleisteten Entwicklerstunden zum vereinbarten Stunden- oder Tagessatz. Rechtlich entspricht das meist einem Dienstvertrag nach § 611 BGB – geschuldet ist die sorgfältige Tätigkeit, nicht ein garantiertes Ergebnis.

Der Vorteil ist maximale Flexibilität. Anforderungen dürfen sich während der Entwicklung ändern, neue Erkenntnisse fließen sofort ein, und es braucht kein vollständiges Lastenheft zum Start – eine klare Produktvision genügt. Das passt zu agiler Softwareentwicklung nach Scrum.

Der Nachteil: Das Budget ist variabel und das Erfolgsrisiko liegt beim Auftraggeber. Da keine Abnahme im werkvertraglichen Sinn nötig ist, greifen auch keine klassischen Gewährleistungsrechte, sondern nur Schadensersatz bei Pflichtverletzung. Die Stundensätze ordnet der Ratgeber Stundensätze für Entwickler ein.

Wie verteilt sich das Risiko zwischen Anbieter und Auftraggeber?

Die Risikoverteilung ist der Kern der Modellwahl: Sie legt fest, wer zahlt, wenn ein Projekt mehr Aufwand verursacht als geplant. Beim Festpreis trägt der Anbieter das Aufwandsrisiko, bei Time & Material der Auftraggeber.

Ein Festpreis ist deshalb selten günstiger. Anbieter kalkulieren einen Risikozuschlag ein, der das Mehraufwandsrisiko abdeckt. In der Praxis liegen solche Puffer marktüblich in einer weiten Spanne von rund 10 bis 40 % – je unklarer die Anforderungen, desto höher. Läuft das Projekt reibungslos, zahlt der Auftraggeber diesen Puffer mit, ohne ihn zu benötigen.

Die rechtliche Einordnung folgt nicht dem Preismodell, sondern dem geschuldeten Erfolg. Das OLG Frankfurt hat 2024 (Az. 10 U 201/22) entschieden, dass Stundenabrechnung, offene Leistungsbeschreibung und der Vertragswortlaut zusammen für einen Dienstvertrag sprechen können – mit der Folge, dass die Vergütung unabhängig vom Projekterfolg fällig wird. Eine saubere Vertragsgestaltung ist damit ebenso wichtig wie die Modellwahl selbst.

Alle genannten Prozentwerte sind marktübliche Spannen und ersetzen keine Rechtsberatung. Der Zuschlag im Einzelfall hängt vom konkreten Projekt und der Klarheit der Anforderungen ab.

Wann passt welches Abrechnungsmodell?

Die richtige Wahl richtet sich nach dem Reifegrad der Anforderungen und dem Bedürfnis nach Planbarkeit. Als Faustregel gilt: Je klarer der Umfang, desto eher Festpreis – je offener das Vorhaben, desto eher Time & Material.

Festpreis eignet sich, wenn der Umfang klar umrissen und stabil ist: ein Relaunch mit bekanntem Funktionsumfang, eine definierte Schnittstelle oder ein öffentlich ausgeschriebenes Projekt mit festem Budgetrahmen. Auch die Softwarewartung mit abgegrenzten Arbeitspaketen lässt sich gut zum Festpreis abbilden.

Time & Material eignet sich, wenn Sie explorativ arbeiten und schnell lernen wollen. Für ein MVP oder ein neues Produkt, dessen Funktionsumfang sich mit Nutzerfeedback entwickelt, ist das aufwandsbasierte Modell in der Regel effizienter – warum, erklärt der Ratgeber MVP: Definition, Vorteile & Ablauf.

Der agile Festpreis ist der Mittelweg: Nach einer kurzen Kalibrierungsphase werden Budget und Termin fixiert, während der Umfang über ein priorisiertes Backlog gesteuert wird. Mehr- oder Minderaufwände teilen sich beide Seiten nach einem vereinbarten Risk-Share, statt jede Änderung einzeln nachzuverhandeln. In der Praxis bewährt sich außerdem ein nach oben gedeckeltes Time-&-Material-Budget (Not-to-exceed), das Flexibilität erhält und das Kostenrisiko begrenzt.

Ob Sie mit Agentur, Freelancer oder Inhouse arbeiten, beeinflusst die Wahl ebenfalls. Kleinere Teams und Flutter-Projekte starten häufig aufwandsbasiert und wechseln für abgegrenzte Ausbaustufen in den Festpreis.

Häufige Fragen

Festpreis oder Time & Material – was ist besser?

Es gibt kein pauschal besseres Modell, sondern nur ein zum Projekt passendes. Ein Festpreis (meist Werkvertrag nach § 631 BGB) ist die richtige Wahl, wenn Umfang und Anforderungen zu Beginn klar und stabil sind – er gibt Budgetsicherheit. Time & Material (meist Dienstvertrag nach § 611 BGB) rechnet nach tatsächlichem Aufwand ab und passt zu explorativen, iterativen Vorhaben. Läuft alles nach Plan, ist Time & Material oft günstiger, weil der beim Festpreis eingerechnete Risikozuschlag entfällt.

Ist ein Festpreis automatisch ein Werkvertrag?

Nein. Die rechtliche Einordnung ergibt sich nicht aus dem Preismodell, sondern daraus, ob ein konkreter Erfolg geschuldet ist. Ein Festpreis für ein definiertes Werk ist typischerweise ein Werkvertrag nach § 631 BGB, aufwandsbasierte Abrechnung deutet auf einen Dienstvertrag nach § 611 BGB hin. Das OLG Frankfurt hat 2024 (Az. 10 U 201/22) klargestellt, dass Stundenabrechnung, offene Leistungsbeschreibung und Vertragswortlaut zusammen für einen Dienstvertrag sprechen können.

Wer trägt bei Time & Material das Budgetrisiko?

Bei Time & Material liegt das Budgetrisiko überwiegend beim Auftraggeber, da nach tatsächlichem Aufwand gezahlt wird – unabhängig davon, ob der erhoffte Erfolg eintritt. Im Gegenzug entfällt der Risikozuschlag des Festpreises. Absichern lässt sich das über ein nach oben gedeckeltes Budget (Not-to-exceed), wöchentliche Stundenreports und die Priorisierung nach Geschäftswert.

Was ist ein agiler Festpreis?

Ein agiler Festpreis kombiniert die Planbarkeit des Festpreises mit der Flexibilität agiler Entwicklung. Nach einer kurzen Kalibrierungsphase werden Budget und Termin fixiert und der Umfang über ein priorisiertes Backlog gesteuert. Mehr- oder Minderaufwände werden über einen vereinbarten Mechanismus (Risk-Share) fair zwischen beiden Seiten geteilt, statt jede Änderung einzeln nachzuverhandeln.

Mehr Vergleiche und Kostenthemen finden Sie im Ratgeber, etwa zu App-Entwicklungskosten 2026 und zur App-Wartung: Kosten & Aufwand.

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